"Liebe ist chaotisch - Untreue erst recht."
Esther Perel
Warum gehen Menschen fremd? Motive hinter Untreue und Affären
Fremdgehen verstehen: Warum eine Affäre nicht immer dasselbe bedeutet
Warum gehen Menschen fremd?
Diese Frage stellen sich viele Menschen nach einem Seitensprung, einem One-Night-Stand oder einer Affäre. Besonders für die betrogene Person entsteht häufig das Bedürfnis, eine Erklärung zu finden: Hat in unserer Beziehung etwas gefehlt? War der Sex nicht gut genug? Liebt mein Partner mich nicht mehr? Oder wird es wieder passieren?
Darauf gibt es keine einfache Antwort.
Untreue kann aus sehr unterschiedlichen Motiven entstehen. Sie kann mit Unzufriedenheit in einer Beziehung zusammenhängen – muss es aber nicht. Manche Menschen gehen fremd, weil sie sich emotional vernachlässigt fühlen. Andere suchen sexuelle Abwechslung, Bestätigung oder Rache. Manchmal spielen Gelegenheit, Alkohol oder eine bestimmte Lebensphase eine Rolle.
Aus paar- und sexualtherapeutischer Sicht ist deshalb nicht nur die Frage entscheidend, WAS passiert ist.
Mindestens genauso wichtig ist:
Warum ist es passiert?
Was gilt überhaupt als Untreue?
Bei Fremdgehen denken viele zuerst an Sex mit einer anderen Person. Wissenschaftlich und therapeutisch ist die Grenze jedoch weniger eindeutig.
Untreue entsteht dort, wo eine vereinbarte oder vorausgesetzte Grenze einer Beziehung überschritten wird und dadurch Vertrauen verletzt wird.
Dazu können beispielsweise gehören:
• ein One-Night-Stand
• eine länger andauernde sexuelle Affäre
• Küssen oder andere sexuelle Kontakte
• eine emotionale Affäre
• Sexting oder der Austausch intimer Bilder
• heimliche Kontakte über Dating-Apps oder soziale Medien
• eine intensive romantische Beziehung zu einer anderen Person
Entscheidend ist dabei nicht ausschließlich die konkrete Handlung.
Paare unterscheiden sich darin, welche Grenzen sie für ihre Beziehung vereinbaren. Was für ein Paar bereits Untreue bedeutet, kann innerhalb einer anderen Beziehung erlaubt sein.
Gerade deshalb lohnt es sich, in Beziehungen nicht nur über Treue zu sprechen, sondern darüber, was Treue für beide konkret bedeutet.
Welche Formen von Untreue gibt es?
Untreue kann sehr unterschiedlich aussehen.
Sexuelle Untreue
Hier findet ein sexueller oder körperlich-intimer Kontakt außerhalb der vereinbarten Beziehungsgrenzen statt. Das kann ein einmaliger One-Night-Stand sein oder eine länger andauernde sexuelle Affäre.
Emotionale Untreue
Bei einer emotionalen Affäre entsteht eine besondere emotionale Nähe zu einer anderen Person. Gespräche, Intimität und Verbundenheit werden zunehmend mit dieser Person geteilt – häufig verbunden mit Heimlichkeit gegenüber dem eigenen Partner.
Sex muss dabei nicht stattfinden.
Sexuelle und emotionale Affäre
Manche Affären verbinden beides: sexuelle Begegnungen und eine zunehmende emotionale Bindung. Dadurch kann neben der sexuellen Grenzüberschreitung eine zweite Beziehung entstehen.
Digitale Untreue
Untreue kann auch vollständig oder teilweise online stattfinden.
Dazu können Sexting, erotische Chats, heimliche Dating-App-Kontakte oder eine emotionale beziehungsweise sexuelle Onlinebeziehung gehören.
Auch hier ist nicht das Medium entscheidend, sondern die Frage, welche Grenzen innerhalb der Beziehung vereinbart wurden.
Warum gehen Menschen fremd? 8 häufige Motive für Untreue
Psychologische Forschung zeigt, dass es nicht den einen Grund für Fremdgehen gibt.
In einer Untersuchung von Selterman, Garcia und Tsapelas mit 495 Personen ließen sich acht unterschiedliche Motivbereiche identifizieren.
Diese Motive können einzeln auftreten – häufig überschneiden sie sich jedoch.
1. Wut und Rache
„Du hast mich verletzt – jetzt sollst du wissen, wie sich das anfühlt.“
Untreue kann aus Wut oder als Reaktion auf eine vorausgegangene Verletzung entstehen.
Vielleicht hat der Partner selbst betrogen. Vielleicht gab es eine massive Kränkung, Zurückweisung oder ein länger bestehendes Gefühl von Ungerechtigkeit.
Der Seitensprung kann dann kurzfristig das Gefühl vermitteln, Macht zurückzugewinnen.
Aus therapeutischer Sicht ist dabei interessant, was unter der Rache liegt: häufig Verletzung, Hilflosigkeit oder das Bedürfnis nach einem Ausgleich.
Die Affäre wird damit zu einem Versuch, ein emotionales Ungleichgewicht zu regulieren.
2. Fehlende Liebe oder emotionale Entfremdung
Manche Menschen gehen fremd, wenn die emotionale Bindung an den eigenen Partner schwächer geworden ist.
Sie erleben beispielsweise:
• weniger Nähe
• weniger Verbundenheit
• emotionale Distanz
• Zweifel an der Beziehung
• das Gefühl, den Partner nicht mehr zu lieben
Eine neue Person kann dann Gefühle auslösen, die innerhalb der bestehenden Beziehung lange nicht mehr erlebt wurden.
Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass jede Affäre beweist, dass keine Liebe mehr vorhanden ist.
3. Vernachlässigung und unerfüllte emotionale Bedürfnisse
„Ich fühle mich schon lange nicht mehr gesehen.“
Menschen können innerhalb einer Beziehung sehr einsam sein.
Fehlen Aufmerksamkeit, Wertschätzung, Zärtlichkeit oder emotionale Resonanz über längere Zeit, kann die Aufmerksamkeit einer anderen Person besonders intensiv erlebt werden.
Die Affäre bietet dann möglicherweise etwas, das im eigenen Erleben lange gefehlt hat:
gesehen werden,
begehrt werden,
interessant sein,
wichtig sein.
Das erklärt eine Grenzüberschreitung – es entschuldigt sie jedoch nicht.
Diese Unterscheidung ist in der Paartherapie wichtig.
4. Sexuelles Verlangen und sexuelle Unzufriedenheit
Auch Sexualität kann ein Motiv für Untreue sein.
Vielleicht gibt es in der Beziehung kaum noch Sex. Vielleicht unterscheiden sich sexuelle Bedürfnisse stark. Vielleicht fehlen bestimmte sexuelle Praktiken, Intensität oder Leidenschaft.
Manche Menschen erleben gleichzeitig Liebe und Verbundenheit mit ihrem Partner – und dennoch sexuelles Verlangen nach anderen Menschen.
Liebe und sexuelles Begehren sind nicht identisch.
Die therapeutisch entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur:
„Warum wolltest du Sex mit jemand anderem?“
Sondern:
„Welche Bedeutung hatte dieser Sex für dich?“
5. Wunsch nach sexueller Abwechslung
Ein weiteres Motiv ist der Wunsch nach sexueller Vielfalt.
Dabei muss die bestehende Sexualität nicht zwingend schlecht sein.
Ein Mensch kann seinen Partner lieben, mit dem gemeinsamen Sex zufrieden sein und trotzdem neugierig auf andere Körper, Erfahrungen oder sexuelle Situationen sein.
Hier berührt Untreue häufig eine grundsätzliche Frage:
Wie gut passen die persönlichen Vorstellungen von Sexualität zu dem Beziehungsmodell, das ein Paar lebt?
Monogamie ist eine Vereinbarung. Sexuelle Exklusivität bedeutet nicht automatisch, dass sexuelles Interesse an anderen Menschen verschwindet.
Entscheidend ist, wie Menschen mit diesem Interesse umgehen.
6. Geringe Bindung an die Beziehung
Nicht jede Person ist einer Beziehung innerlich gleich stark verpflichtet.
Manchmal besteht bereits Unsicherheit darüber, ob die Beziehung weitergeführt werden soll. Die emotionale Investition ist gering oder eine Trennung wird innerlich bereits erwogen.
Eine Affäre kann dann Ausdruck dieser Distanz sein.
In manchen Fällen wird die dritte Person auch unbewusst oder bewusst zum Übergang aus einer bestehenden Beziehung.
7. Selbstwert und Bestätigung
„Ich wollte wissen, ob mich überhaupt noch jemand attraktiv findet.“
Untreue kann auch mit Selbstwertregulation zusammenhängen.
Begehrt zu werden kann kurzfristig vermitteln:
Ich bin attraktiv.
Ich bin interessant.
Ich bin noch begehrenswert.
Ich habe Wirkung.
Besonders in Phasen von Unsicherheit, Alterungsprozessen, beruflichen Veränderungen oder persönlichen Krisen kann die Aufmerksamkeit einer anderen Person eine starke Wirkung entfalten.
Dann geht es bei der Affäre möglicherweise weniger um diese konkrete Person als um das eigene Gefühl in ihrer Gegenwart.
8. Gelegenheit und situative Faktoren
Nicht hinter jedem Seitensprung steht eine jahrelange Beziehungskrise.
Manchmal treffen mehrere situative Faktoren zusammen:
• eine unerwartete Gelegenheit
• Alkohol oder andere enthemmende Einflüsse
• Reisen oder räumliche Distanz zum Partner
• Stress
• eine besondere emotionale Situation
• starke spontane Anziehung
Das bedeutet nicht, dass Menschen für ihr Verhalten keine Verantwortung tragen.
Es bedeutet lediglich, dass menschliches Verhalten nicht immer Ausdruck eines tiefen Beziehungsproblems sein muss.
Gerade einmalige One-Night-Stands können deshalb eine andere Dynamik haben als eine über Monate geführte Affäre.
Bedeutet Fremdgehen, dass in der Beziehung etwas fehlt?
Nicht zwangsläufig.
Das gehört zu den wichtigsten Erkenntnissen der neueren Untreueforschung.
Einige Motive hängen deutlich mit der bestehenden Beziehung zusammen – beispielsweise emotionale Vernachlässigung, Wut oder eine schwindende Bindung.
Andere Motive können stärker mit der Person selbst oder einer bestimmten Situation zusammenhängen.
Deshalb ist die häufige Frage
„Was habe ICH falsch gemacht?“
für betrogene Partner besonders schmerzhaft – und häufig zu einfach gestellt.
Die Entscheidung, eine vereinbarte Beziehungsgrenze zu überschreiten, bleibt zunächst die Verantwortung der Person, die diese Grenze überschritten hat.
Gleichzeitig kann es therapeutisch sinnvoll sein, später gemeinsam zu untersuchen, welche Dynamiken innerhalb der Beziehung bereits vor der Untreue bestanden haben.
Beides kann gleichzeitig wahr sein.
One-Night-Stand oder jahrelange Affäre: Macht das einen Unterschied?
Ja.
Forschung deutet darauf hin, dass unterschiedliche Motive auch mit unterschiedlichen Verläufen von Untreue zusammenhängen.
Affären, die stärker aus Beziehungskonflikten, fehlender Liebe oder Wut entstehen, können länger dauern und stärker emotional aufgeladen sein.
Situativ entstandene Untreue ist dagegen häufiger kürzer.
Für die betrogene Person bedeutet das allerdings nicht automatisch, dass ein One-Night-Stand weniger verletzend sein muss.
Die Schwere einer Verletzung lässt sich nicht an der Anzahl sexueller Begegnungen messen.
Für manche Menschen ist ein einmaliger sexueller Kontakt besonders erschütternd. Andere erleben eine monatelange emotionale Affäre als wesentlich verletzender als Sex.
Ist Fremdgehen immer das Ende einer Beziehung?
Nein.
Eine Affäre kann eine Beziehung beenden.
Sie muss es aber nicht.
Nach aufgedeckter Untreue erleben viele Paare zunächst starke emotionale Reaktionen:
• Wut
• Angst
• Misstrauen
• Scham
• Schuld
• Kontrollbedürfnis
• Grübeln
• wiederkehrende Fragen
• sexuelle Unsicherheit
• Angst vor erneutem Betrug
Die entscheidende Frage ist deshalb häufig nicht, ob eine Beziehung nach Fremdgehen grundsätzlich weitergehen kann.
Sondern:
Können beide Menschen das Geschehene gemeinsam verarbeiten?
Was Paartherapie nach Fremdgehen leisten kann
Nach einer Affäre versuchen Paare häufig gleichzeitig zwei sehr unterschiedliche Fragen zu beantworten:
„Warum ist das passiert?“
und
„Kann ich dir jemals wieder vertrauen?“
In der Paartherapie kann zunächst Raum dafür entstehen, die Verletzung zu verstehen, ohne vorschnell nach einer Erklärung oder Entscheidung zu suchen.
Mögliche Themen sind:
• Was genau ist passiert?
• Welche Bedeutung hatte die Affäre oder der Seitensprung?
• Welche Motive standen dahinter?
• Welche Grenzen wurden verletzt?
• Welche Verantwortung übernimmt die Person, die fremdgegangen ist?
• Welche Dynamik bestand bereits vorher in der Beziehung?
• Was braucht die verletzte Person, um wieder Sicherheit erleben zu können?
• Ist Vertrauen wieder möglich?
• Wollen beide die Beziehung überhaupt weiterführen?
• Welche Vereinbarungen sollen zukünftig gelten?
Paartherapie soll Untreue weder verurteilen noch rechtfertigen.
Sie kann dabei helfen zu verstehen, was passiert ist – und herauszufinden, welche Konsequenzen beide Menschen daraus ziehen möchten.
Fremdgehen verstehen heißt nicht, Fremdgehen zu entschuldigen
Die Frage nach den Motiven einer Affäre wird manchmal missverstanden.
Wenn wir versuchen zu verstehen, warum jemand fremdgegangen ist, bedeutet das nicht, dass die Verletzung dadurch weniger relevant wird.
Verstehen und Rechtfertigen sind zwei unterschiedliche Dinge.
Gerade therapeutisch kann es jedoch entscheidend sein, hinter die Handlung zu schauen.
Denn erst wenn ein Paar versteht, welche Funktion die Untreue hatte, kann es sinnvoll darüber sprechen, was sich verändern müsste – innerhalb der Beziehung oder außerhalb davon.