Fremdgehen & Untreue: Ursachen, Folgen und Paartherapie

"Affären werfen Licht auf unsere Erwartungen und Wünsche."
Esther Perel

Fremdgehen und Untreue: 
Was eine Affäre mit einer Beziehung macht 

Untreue beginnt nicht erst im Bett und eine Affäre erzählt selten nur die Geschichte eines einzelnen Moments 

Untreue gehört zu den stärksten Belastungen, die eine Paarbeziehung erleben kann. Wird eine Affäre entdeckt oder offengelegt, geraten Vertrauen, Sicherheit und häufig auch die bisherige Wahrnehmung der Beziehung ins Wanken. 

Dabei bedeutet Untreue heute längst nicht mehr ausschließlich Sex außerhalb einer Partnerschaft. Körperliche, emotionale und virtuelle Grenzüberschreitungen können sehr unterschiedlich erlebt und bewertet werden. Entscheidend ist deshalb auch, welche Vorstellungen und Vereinbarungen ein Paar über Treue, Exklusivität und Intimität hat. 

Was gilt als Untreue? 

Eine allgemeingültige Definition gibt es nicht. Für einen Menschen kann ein Kuss bereits einen erheblichen Vertrauensbruch darstellen, während für einen anderen erst sexuelle Intimität eine Grenze überschreitet. 

Unterschieden werden können unter anderem: 

• körperliche oder sexuelle Untreue – etwa Küsse oder sexuelle Kontakte 

• emotionale Untreue – eine intensive, häufig verheimlichte emotionale Bindung außerhalb der Partnerschaft 

• virtuelle Untreue – beispielsweise Sexting, erotische Chats, Dating-Apps oder sexuelle Kontakte über digitale Medien 

• opportunistische Untreue – eine Grenzüberschreitung, die stärker aus Gelegenheit und Situation heraus entsteht 

Auch Pornografiekonsum kann innerhalb einer Beziehung als Grenzverletzung erlebt werden, ist jedoch nicht automatisch Untreue. Entscheidend sind die individuellen Grenzen und Vereinbarungen eines Paares. 

Die therapeutisch interessantere Frage lautet deshalb häufig nicht: 

„War das objektiv Fremdgehen?“ 

Sondern: 

„Welche Grenze unserer Beziehung wurde überschritten?“ 

Warum gehen Menschen fremd? 

Die Vorstellung, Menschen gingen ausschließlich fremd, weil ihnen in ihrer Beziehung etwas fehle, greift zu kurz. Forschung zu Untreue beschreibt unterschiedliche und teilweise gleichzeitig bestehende Motive: 

• sexuelle Unzufriedenheit oder der Wunsch nach Abwechslung   
• emotionale Distanz oder fehlende Verbundenheit   
• das Bedürfnis nach Anerkennung und Bestätigung   
• ein belastetes Selbstwertgefühl und das Erleben, wieder begehrt zu werden   
• Ärger, Kränkung oder Rache   
• unterschiedliche Werte und Vorstellungen von Treue   
• geringe Bindung an die bestehende Beziehung   
• situative Gelegenheit   
• der Wunsch nach Autonomie, Lebendigkeit oder neuen Erfahrungen 

Diese Motive zu verstehen bedeutet nicht, Untreue zu entschuldigen. Wer vereinbarte Grenzen überschreitet, trägt Verantwortung für das eigene Verhalten. Therapeutisch ist dennoch relevant, welche individuellen Motive und Beziehungskontexte damit verbunden waren. 

Untreue ist kein männliches Phänomen 

Das stereotype Bild vom untreuen Mann und der treuen Frau bildet die heutige Forschung nur unzureichend ab. Männer berichten in vielen Untersuchungen zwar weiterhin häufiger von sexueller Untreue, gleichzeitig zeigen Daten eine Annäherung zwischen den Geschlechtern – insbesondere in jüngeren Generationen und abhängig davon, welche Form von Untreue untersucht wird. 

Auch digitale und emotionale Formen der Untreue verändern das Bild. Für die Paartherapie ist deshalb weniger das Geschlecht entscheidend als die Frage, welche Bedeutung und Funktion die Grenzüberschreitung für den jeweiligen Menschen hatte. 

Nach der Affäre gibt es ein Davor und ein Danach 

In meiner therapeutischen Arbeit unterscheide ich bei Untreue gerne zwischen einem Davor und einem Danach. 

Das Davor beschreibt die Beziehung und ihre Dynamik vor der Affäre. Das Danach beschreibt die neue Dynamik, die durch den Vertrauensbruch entsteht. 

Nach der Aufdeckung erlebt der betrogene Partner häufig Ohnmacht, Wut, Trauer und Kontrollverlust. Das Bedürfnis nach Sicherheit kann enorm werden: Fragen werden wiederholt, Nachrichten kontrolliert oder Situationen rekonstruiert. 

Auf der anderen Seite können Scham, Schuldgefühle, Selbstvorwürfe und Verlustangst entstehen. 

So kann sich eine neue Dynamik entwickeln: Aus dem Bedürfnis nach Sicherheit wird Kontrolle, aus Verantwortung dauerhafte Selbstbestrafung – und irgendwann kreist die Beziehung fast ausschließlich um die Affäre. 

Dabei droht aus dem Blick zu geraten, welche Beziehung bereits vorher existiert hat. 

Stabilisierung kommt vor Aufarbeitung 

Gerade nach einer frisch aufgedeckten Affäre ist es nicht immer sinnvoll, sofort tief in die Ursachen und Details einzusteigen. 

Sind einer oder beide Partner emotional stark destabilisiert und fehlen ausreichende Möglichkeiten, sich nach belastenden Gesprächen wieder zu regulieren, braucht es zunächst Stabilisierung. 

Beide Erlebenswelten dürfen dabei Raum bekommen: Ohnmacht, Enttäuschung und Wut des verletzten Partners ebenso wie Scham, Schuld und Angst auf der anderen Seite. Das bedeutet jedoch nicht, die Verantwortung für die Untreue gleichmäßig auf beide zu verteilen. 

Erst wenn ausreichend Stabilität vorhanden ist, kann die Perspektive erweitert werden: Welche Dynamiken bestanden bereits vor der Affäre? Welche individuellen Motive spielten eine Rolle? Was hat sich durch die Untreue zwischen beiden verändert? 

Beziehungsprobleme können dabei Teil des Kontextes einer Affäre sein. Sie machen den betrogenen Partner jedoch nicht verantwortlich für die Entscheidung des anderen, eine vereinbarte Grenze zu überschreiten. 

Kann eine Beziehung nach einer Affäre wieder funktionieren? 

Ja. Eine Affäre muss nicht zwangsläufig das Ende einer Beziehung bedeuten. 

Vertrauen wiederherzustellen bedeutet allerdings nicht, möglichst schnell zum früheren Zustand zurückzukehren. Die Untreue ist Teil der gemeinsamen Beziehungsgeschichte geworden. 

Die entscheidendere Frage lautet deshalb, ob danach eine Beziehung entstehen kann, in der Verantwortung übernommen wird, Sicherheit wieder möglich ist und über Bedürfnisse, Grenzen, Sexualität und Exklusivität ehrlicher gesprochen werden kann. 

Manche Paare entwickeln nach einer solchen Krise eine neue Form von Nähe und Verbindlichkeit. Andere erkennen, dass ihre Beziehung nicht mehr tragfähig ist. Beides kann ein legitimes Ergebnis therapeutischer Arbeit sein. 

Paartherapie nach Untreue bedeutet deshalb nicht, möglichst schnell zu vergeben oder eine Beziehung um jeden Preis zu retten. Sie kann dabei unterstützen, den Vertrauensbruch einzuordnen, die Dynamik vor und nach der Affäre zu verstehen und gemeinsam herauszufinden, was aus der Beziehung jetzt werden soll. 

Denn irgendwann verändert sich die Frage von: 

„Wie konntest du mir das antun?“ 

zu: 

„Was machen wir jetzt mit dem, was passiert ist?“ 
 

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